Fundbüro

2013 // Katrin Alvarez

Der Beamte schaute hoch von seinem eingerissenen Fingernagel und nahm mich äußerst gelangweilt zur Kenntnis.„Was kann ich für Sie tun?“ Es klang, als müsse er jedes Wort mühsam durch seine Zahnlücken pressen.„Ich möchte eine Suchmeldung aufgeben,“ sagte ich. „Ich habe mein Leben verloren.“Nach Bruchteilen von Sekunden konnte man im Gesicht des Beamten blanke Panik lesen. „Noch so eine Irre wie neulich auf dem...

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Die kleine gute Tat

2011 // Katrin Alvarez

Ein Mensch bedachte eines Tages,eine gute Tat zu tun.Eine kleine gute Tat,die nicht auffallendund beschämend wäre.Und so begann die schwierige Befruchtungdes Herzens mit dem Willen,bis seine zärtlichen „Man-könnte-Dochs!“ihn weich gestimmt.Im Herzen wuchs die kleine gute Tat.Jedoch bei ihren ersten Atemzügen merkte sie,daß ihr der Mutterboden viel zu knapp bemessen wurde.Zur rechten Seite dehnte sich die Trägheit,breit lächelnd hinter...

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Gebet einer Ungläubigen

2011 // Katrin Alvarez

Was willst Du haben,Du Gott,den es vermutlich gar nicht gibtund den ich jetzt doch belästige.Laß mir doch meinen Menschen,diesen einen einzigen Menschen.Wenn Du Dich langweilst,dann läßt Du ganze Völkerertrinken,vergasen,foltern oder verhungern.Laß mir doch meinen Menschen,diesen einen einzigen Menschen.Sollen wir vielleicht ein bißchen zocken,Gott?Du hättest doch gar keinen Spaßan meinem Menschen.Er könnte Dir da oben-oder wo auch immer-...

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Gib Küsschen...

2011 // Katrin Alvarez

Meine Mutter hätte viel lieber einen Papagei geboren als mich. Zunächst gab sie die Hoffnung auch nicht auf und beäugte mich allmorgendlich strengstens, ob sich nicht doch noch irgendwo ein Ansatz von Befederung bilden würde. Es war gar nicht so leicht,immer größere Käfige für mich zu finden, denn ich wuchs und wuchs und wuchs. Tagsüber hockte ich meistens auf einer Stange und gab die eingepaukten Sätze wieder: „Gib Küsschen! Liebe...

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Sprachlos

2011 // Katrin Alvarez

Eines Morgens erwachte er mit einem halbgeöffneten Mund in seiner rechten Hand. Vorsichtig hielt er die Finger gespreizt,um die leicht pulsierenden Lippen nicht zu verletzen.Welcher Journalist würde sich nicht die Hände reiben – er mußte kräftig grinsen,denn das ging ja im Moment wohl gar nicht – bei einer so krassen Story?! Das war schon etwas anderes als seine schmierige kleine Klatschspalte. Das müßte doch wohl mindestens einen Anreisser...

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Vorsatz

2011 // Katrin Alvarez

Zufälligin die Schwingungeneines Alltagsgelächters hineingeratenund sich schmerzlich zusammenducken.Nicht einmal mehr den Druckeines normalen Blickes ertragen können,der weder mißbilligendnoch zustimmend von mir abprallt.Ich muß etwas dagegen tun.Denn einmal hinausgeschleudertaus der eigenen Mittewächst die Angstvon allen Seiten an mich heranund überwuchert mich.

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