Katrin Alvarez – Sich den Dämonen im Innern stellen und sie verbannen

2011 // Maureen Flynn

„Aspekte menschlicher und gesellschaftlicher Beziehungen, die in Figuren mit oftmals puppenartigen Zügen ihren Ausdruck finden, stehen im Mittelpunkt der Ausstellung der deutschen Malerin Katrin Alvarez vom 3. bis 24. Juni in der Agora Gallery (530 West 25th Street, Empfang am 5. Juni). Ihre Werke erinnern zuweilen ein wenig an Marlene Dumas, eine ältere Künstlerin, mit der sie einiges gemeinsam hat.

Viele der Menschen, die Alvarez malt, muten an wie Schlafwandler – in einer Art Selbstschutz und abgeschottet von ihren eigenen betäubten Gefühlen durchschreiten sie einsame Landschaften oder wirken wie eingeschlossen in parzellierten Räumen. Diese scheinen sie zwar mit anderen – deren Gefühl von Isolation offenbar genauso stark ist wie ihr eigenes - zu bewohnen, aber nicht wirklich zu teilen. In dem Werk „Die schmerzhafte Realität menschlicher Beziehungen“ (Öl und Mischtechniken auf Leinwand) zum Beispiel kauert eine nackte männliche Gestalt vornübergebeugt in geduckter Haltung in einer Art unterirdischem Bunker; eine Frau links daneben, lediglich mit schwarzen Seidenstrümpfen bekleidet, zeigt ihren nackten Hintern, die Geste wirkt eher spöttisch als verführerisch. Andere irren umher, in einer Szene, die ebenso provokativ wahrgenommen wird wie ein Gemälde von Neo Rauch aus der Leipziger Schule und so düster existentialistisch wie ein Drama von Samuel Beckett. Noch schonungsloser ist das Bild „Slums of the Mind“: Es zeigt eine junge Frau vom Kopf bis zur Brust, ihr Kopf ist umgeben von einer seltsamen, skelettartigen rechteckigen Struktur ohne Sinn und Zweck. Ihre Brüste hält sie teilweise mit der Hand verdeckt, während sie in einer versengten Landschaft steht, die eine postnukleare Welt suggeriert. Die junge Frau wirkt wie benommen und ihr Gesicht zeigt einen Ausdruck, den man ansonsten nur bei Menschen sieht, die ihre Heimat verloren haben. Der Himmel über ihr schimmert weiß und scheint vor Gift zu glühen. Wie bei anderen großen zeitgenössischen Humanisten wie Gregory Gillespie und Odd Nerdrum wird der Ernst von Alvarez‘ Vision ausgeglichen durch ihre Fähigkeit, potentiell abstoßende Subjekte in Objekte von ästhetischem Hochgenuss zu verwandeln.

In einem anderen Gemälde mit dem Titel „Leichte Beute“ (Öl und Mischtechniken auf Leinwand) scheinen zwei ominöse männliche Gestalten einer lebenden Puppe mit beweglichen Armen nachzustellen. Die Puppe wirkt wie ein pubertäres Mädchen in knapper Unterwäsche – eine Allegorie auf Pädophilie. Tatsächlich scheinen die Traumata der Jugend ein immer wiederkehrendes Thema bei Alvarez zu sein, wie zwei weitere Werke mit den Titeln „Fessel der Kindheit“ und „Ich habe meine Kindheit überlebt“ zeigen.

In beiden Bildern dominieren im Vordergrund leuchtende Frauenportraits mit klarem Blick, während dahinter phantomartige Erinnerungen lauern. In ihrer meisterhaften Zeichnung „Ich habe meine Kindheit überlebt“ (Kreide auf Karton/Holz) ähnelt die Figur im Hintergrund einem geisterhaften Verwandten des Protagonisten in Edvard Munchs berühmten Bild „Der Schrei“.

Das Bild von Katrin Alvarez, das den Betrachter vielleicht am meisten verstört/aufwühlt, ist jedoch eine weitere Zeichnung mit dem Titel „Abkehr von normalen Bedingungen“ (Kreide auf Karton/Holz), bei dem sich eine Frau mit seltsamen Ausstülpungen statt Gliedmaßen in einem surrealen Schrottlager aus nicht zusammen passenden menschlichen Körperteilen aufhält. Selbst hier rettet Alvarez den Betrachter trotz der grotesken Thematik mit ihrer ausgefeilten Zeichenkunst und macht aus etwas potentiell Hässlichem etwas wahrhaft Schönes.

Es könnte gut sein, dass Katrin Alvarez‘ künstlerische Mission darin besteht, unseren eigenen Dämonen unnachgiebig ins Auge zu blicken - in der Hoffnung, dass wir dadurch die Gefahren, die uns in unserem eigenen Innern bedrohen, überwinden. Dies ist sicher ein guter Grund für künstlerisches Schaffen, und wenn dies tatsächlich das Betätigungsfeld ist, das sie für sich selbst gewählt hat, meistert sie es mir Bravour."

 

Maureen Flynn, Gallery&Studio Vol.10, No.5, Seite 21