Fundbüro

2013 // Katrin Alvarez

Der Beamte schaute hoch von seinem eingerissenen Fingernagel und nahm mich äußerst gelangweilt zur Kenntnis.

„Was kann ich für Sie tun?“ Es klang, als müsse er jedes Wort mühsam durch seine Zahnlücken pressen.

„Ich möchte eine Suchmeldung aufgeben,“ sagte ich. „Ich habe mein Leben verloren.“

Nach Bruchteilen von Sekunden konnte man im Gesicht des Beamten blanke Panik lesen. „Noch so eine Irre wie neulich auf dem Arbeitsamt, wo eine Beamtin glatt erstochen wurde.“ Dann fasste er blitzschnell einen Entschluss und zog ein Formular aus der Schublade.

„Gut. Ok. Dann wollen wir mal. Wann und wo haben Sie Ihr Leben verloren?“

Er lehnte sich ganz weit zurück, als wolle er den Abstand zwischen uns vergrößern und musterte mich voller Ablehnung und Misstrauen. „Wie sieht es überhaupt aus, Ihr Leben?!“

Ich konzentrierte mich. „Zuletzt war es sehr dunkel, schreckhaft und scheu. Es lief immer vor mir davon, als wäre ich eine Gefahr. Und es hatte seine Stimme verloren, es war stumm geworden."

Der Beamte räusperte sich mehrfach.  „Aha. Und wo und wann haben Sie Ihr ängstliches Leben“,  - er grinste kurz, bemühte sich aber ganz schnell wieder um einen neutralen Gesichtsausdruck,  -“zuletzt gesehen?“

„Gestern Abend.“ Ich war mir ganz sicher. Ich erinnerte mich, wie unendlich schwach und mutlos mein Leben mich anschaute. Als wolle es mich um Verzeihung bitten, weil es mich nach so langer Zeit im Stich ließ.

„Dabei war mein Leben irgendwann einmal bunt und stark und laut gewesen. Ein Funkelleben, das sich gut anfühlte, in dem ich morgens gerne aufwachte.“

Der Beamte setzte sich ruckartig gerade. „Ja, was haben Sie mit Ihrem Leben denn gemacht? Ich meine, wenn man so ein tolles Leben hat, das versaut man doch nicht. Da passt man doch höllisch auf oder nicht?!“ Der Mann rieb sich erregt, fast wütend die Nase. „Schließlich hat man doch nur dieses eine Leben!“

Er stand auf, stützte beide Hände auf seinen Schreibtisch und beugte sich heftig zu mir vor.

„Wer soll denn so ein Scheißleben wie es jetzt ist hier im Fundbüro abgeben? Das fasst doch keiner mehr an! Das verreckt doch irgendwo unter einer Brücke! Das haben Sie aber wirklich voll versaut!“

Er griff sich das Formular, zerriss es und warf es in den Papierkorb. Als er merkte, daß mir die Tränen über das Gesicht liefen, knurrte er: „In Gottes Namen, dann lassen Sie mir Ihre Handynummer da. Falls Ihr Leben doch noch abgegeben wird.“

Heute Nacht werde ich Zettel an die Bäume kleben. Manche Menschen tun das, um ihre entlaufenen Haustiere wiederzufinden. Vielleicht verzeiht mir mein Leben meine jahrzehntelange gleichgültige  Selbstverständlichkeit.

Bis dahin muss ich versuchen, ohne mein Leben zurecht zu kommen.