Gib Küsschen...

2011 // Katrin Alvarez

Meine Mutter hätte viel lieber einen Papagei geboren als mich. Zunächst gab sie die Hoffnung auch nicht auf und beäugte mich allmorgendlich strengstens, ob sich nicht doch noch irgendwo ein Ansatz von Befederung bilden würde. Es war gar nicht so leicht,immer größere Käfige für mich zu finden, denn ich wuchs und wuchs und wuchs. Tagsüber hockte ich meistens auf einer Stange und gab die eingepaukten Sätze wieder: „Gib Küsschen! Liebe Mutter, gib Küsschen!“ Nachts deckte sie ein Tuch über meine Geschwätzigkeit.

Eines Morgens,als sie mir wie immer ihren Zeigefinger durch die Gitterstäbe steckte, biss ich voller Freude hinein. Mittlerweile war ich fünfzehn und besaß ein kräftiges Gebiß durch die ständige Körnerfresserei. „Die Woche fängt ja gut an“, sagte sie und lutschte vorwursvoll an ihrem Finger. "Du hast Dich zu einem höchst undankbaren Vogel entwickelt  -  obwohl Du täglich frisches Wasser bekommst!“

Zur Strafe musste ich zwei volle Tage im dunkel verhangenen Käfig büßen.

Erst an meinem achtzehnten Geburtstag brachte ich den Mut auf,meine heimlich aufgeschnappten Wörter aneinander zu reihen und ihr ganz ruhig ins runde Gesicht zu krähen: “Jetzt hör' endlich mit dem Blödsinn auf! Ich bin ebensowenig ein Papagei wie Du ein Vergißmeinnicht!“. Meine Mutter hüllte sich sofort in einen langen, üblen Schrei, verfing sich darin und erstickte.

Es dauerte einige Zeit, bis ich kein Aufsehen mehr erregte, weil ich ständig mit festangelegten Armen auf dem Boden hockte. Oder weil ich jeden Stuhl zu Fall brachte, um auf der Lehne Platz zu nehmen.

Mittlerweile trage ich Stilettos und esse Gummibärchen. Trotzdem schleiche mich jedes Wochenende nachts in den Zoo. Die Aras, Kakadus, Graupapageien und Amazonen zeigen unendliche Geduld mit meiner immer wieder auftauchenden Identitätskrise und erlauben mir, stundenweise auf meiner geliebten Stange Platz zu nehmen.