Sprachlos

2011 // Katrin Alvarez

Eines Morgens erwachte er mit einem halbgeöffneten Mund in seiner rechten Hand. Vorsichtig hielt er die Finger gespreizt,um die leicht pulsierenden Lippen nicht zu verletzen.

Welcher Journalist würde sich nicht die Hände reiben – er mußte kräftig grinsen,denn das ging ja im Moment wohl gar nicht – bei einer so krassen Story?! Das war schon etwas anderes als seine schmierige kleine Klatschspalte. Das müßte doch wohl mindestens einen Anreisser geben.

Vielleicht lag ja schon längst bei der Polizei eine Suchmeldung vor. Es schien ein männlicher Mund zu sein: Schmallippig,mit zynischen Winkeln und gelblichen Raucherzähnen.

Mutig hielt er den Zeigefinger seiner linken Hand vor den Mund und erwartete eigentlich, dass er zuschnappen würde.Aber er zog sich nur verächtlich zusammen.

Er griff zum Telefon und rief in seiner Redaktion an. “Ja,ich bin's. Hör mal, ich hab' da eine total abgefahrene Story. Stell Dir vor, klebt da doch heute morgen...hörst Du mir überhaupt zu?!“. Am anderen Ende brüllte sein Kollege: “Hallo... hallo? Wieder so ein Vollhorst, der seine Zunge verkauft hat“, und brach das Gespräch ab.

Fluchend rief er sofort noch einmal an, und wieder schien man ihn nicht hören zu können.

Wütend fuhr er sich mit der freien Hand durch's Gesicht und erstarrte mitten in der Bewegung.

Er hatte keinen Mund mehr.

Im selben Moment erklang in seiner rechten Hand ein schepperndes, grelles und rostiges Gelächter, gefolgt von einem dumpfen, gierigen Knurren.

Dann spürte er die Bisse und das warme, feuchte Blut zwischen seinen Fingern.