Katrin Alvarez-Schlüter, die nicht nur eine Malerin sondern auch eine vollendete Schriftstellerin ist, hat sich bereits durch zahlreiche Ausstellungen in Deutschland, in der Schweiz und in Israel einen Namen gemacht. Sie offenbarte sich in ihrer jüngsten Ausstellung in der Agora Gallery in 530 West 25th Street, Chelsea, New York, in der sie faszinierende neo-surreale Visionen heraufbeschwört, als glanzvolle Zauberkünstlerin.
Die technische Fertigkeit von Alvarez-Schlüter ist so groß, dass sie selbst weit hergeholte Visionen bemerkenswert überzeugend in ihren Ölgemälden, Arbeiten mit verschiedenen Medien und Conté-Zeichnungen wiedergeben kann, in denen eine bunte Mischung unterschiedlicher Figuren bildliche Dramen darstellen, die eine weite Palette gesellschaftlicher und poetisch persönlicher Themen andeuten.
Eine der interessantesten Techniken der Künstlerin ist die Zusammenstellung von Figuren stark unterschiedlicher Größe zu einer Komposition; die unterschiedlichen Größenverhältnisse deuten an, dass alle Figuren unterschiedliche Welten bewohnen und sich doch auf einer nicht irdischen Ebene mit ihren eigenen symbolischen Logik zusammenfinden. Die Kompositionen strotzen vor Anomalien, die uns in einer Weise in Erstaunen versetzen, die uns an einen anderen Sammler figurativer Seltsamkeiten und Ironien, den verstorbenen Gregory Gillespie, erinnert. Alvarez-Schlüter verfügt jedoch über ihr eigenes, einzigartiges Phantasiereich, in dem es möglich ist, einer melancholisch-sehnsuchtsvollen Schönheit in einem schicken Minikleid und kniehohen Stiefeln zu begegnen, die anscheinend in einem Tagtraum versunken ist, und die sich in der Gesellschaft winziger menschlicher und tierischer Wesen befindet, die ihren eigenen Phantasien entspringen mögen.
Realität und Phantasie sind offensichtlich beide in Alvarez-Schlüters zeitgenössischen Allegorien greifbar, in denen die Figuren oftmals in einer traumähnlichen Umgebung dargestellt sind und die in minutiösen Details mit fehlerloser, realistischer Technik heraufbeschworen wird. Diese Umgebung nimmt oft die Form eines Rauminneren an, in dem eine seltsame Vegetation aus den Rissen in der Welt zu wachsen scheint, und in der Objekte zu sehen sind, die nicht auf den ersten Blick erkennbar sind und doch so kunstfertig dargestellt sind, daß wir fühlen, sie müssen einem geheimnisvollen Zweck dienen.
In einem besonders verstörenden Bild, dessen komplexe Komposition wunderschön in Conté-Technik abgegrenzt ist, schlängeln sich gewundene Weinranken aus einer großen, ohrähnlichen Form, die an der Wand angebracht ist, kreisen den Kopf einer sitzenden Figur ein und gipfeln in einem kleinen Baum, der aus dem Kopf herauswächst. Solche Bilder scheinen direkt dem Unterbewusstsein der Künstlerin zu entspringen und irgend etwas in der Gegenüberstellung der Figur, der Umgebung und des Objektes rührt die Emotionen des Betrachters an. Während sich einige Kompositionen detailliert und verzweigt darstellen, sind andere von eher abstrakter Qualität mit stilisierten Figuren, die ausdrucksvoll mit dem Ziel einer psychologischen Wirkung verzerrt sind. Blank polierte Farben und faszinierende Strukturen ergänzen sich häufig zu einer Gesamtatmosphäre und unterstützen den ästhetischen Reiz dieser Kompositionen.
Alvarez-Schlüter besondere Fähigkeit, uns dazu zu verleiten, jeglichen Unglauben für einen Augenblick aufzugeben, macht ihre Gemälde so bemerkenswert.
Eine menschliche Figur mit dem Kopf eines Vogels zum Beispiel oder eine andere anatomische Anomalie sind so überzeugend dargestellt, daß der Betrachter sie akzeptiert, als ob sie vollkommen natürlich sei. Wir nehmen ihre Bildlichkeit für bare Münze, da sie sie mit äußerster Wahrhaftigkeit präsentiert, mit einer stilistischen Konsequenz, die sie in ihrem Kontext absolut glaubhaft macht.
Man könnte Hieronymus Bosch und einige der Surrealisten als stilistische Vorläufer von Katrin Alvarez-Schlüter anführen. Doch ihre Arbeit scheint nicht historischen Quellen zu entspringen, sondern ihrer unmittelbaren Beobachtung des Zustands der Menschheit, die sie in visuelle Symbole umsetzt, die gleichermaßen psychologisch scharfsichtig und visuell einnehmend sind.
Quelle: Maureen Flynn, Gallery&Studio Vol.10, No.5, Seite 21